Category Archives: Architektur

12 in 12 – Ein Spukschloss Namens Negresco

Als ich das erste Mal die Promenade des Anglais in Nizza runterfahre, sticht mir ein Gebäude ins Auge: Das Negresco. Das 1912 vom Rumänen Henri Negresco ins Leben gerufene Luxushotel im Stil der Belle Époque ist nicht zu übersehen. Die auffällige, pinkfarbene Kuppel des Gebäudes, die übrigens von keinem Geringeren als Gustaf Eiffel konstruiert wurde, und deren  Legende besagt, dass der Busen der Geliebten von Eiffel als Modell diente,  ist das Wahrzeichen der Stadt an der Côte d’Azur.

Das Haus hat fünf Sterne, gehört zu den Leading Hotels of the World und strahlt  viel “Old World Charme” irgendwo zwischen angestaubt und luxuriös aus. Architekt des Hotels – wie gesagt mit Ausnahme der Kuppel – war Edouard Niermans, der sich auch das Moulin Rouge in Paris ausgedacht hat.  Die heutigen Eigentümer sind seit 1957 die Mitglieder der Familie Augier. Das Zepter hat Mme. Jeanne Augier in der Hand, die das  Hotel im heutigen palastartigen Stil ausgestattet hat.

Mme. Augier ist eine Legende, mittlerweile 94 Jahre alt und hat leider Alzheimer. Doch noch immer ist sie die Grande Dame des Hotels. Stolz ist sie auf zwei Sachen: Ihre im Hotel ausgestellte Kunstsammlung lässt jede des Chelsea Hotel in New York wie eine Provoinzsammlung aussehen. Dazu kommen ihre Tiere, die sie über alles liebt. Mime. Augier hat jetzt schon klar gestellt, dass ihr Vermögen ihren Tieren und nicht ihren Verwandten zu Gute kommen soll.

Das Negresco in Nizza. Zusammen mit dem Carlton in Cannes sicher das berühmteste Hose Südfrankreichs. Wenn diese Wände sprechen könnten…James Brown soll seine Frau mal aus Eifersucht eine ganze Nacht lang durchs Hotel gejagt haben, Romy Schneider und Alain Delon haben hier ihre stürmische Liebesaffäre begonnen, Picasso, Dali und Chagall waren Stammgäste, Miles Davis hatte immer das gleiche Zimmer, Clint Eastwood und Ava Gardner waren hier und Richard Burton soll im Negresco so manche Strandschönheit abgeschleppt haben.

Doch dann gibt es auch noch den Geist und zwar jenen von Zimmer 27. Er soll einer der guten Geister sein; einer jener Geister, der einem in der Nacht ins Ohr flüstert und einem Erleuchtung bringt. Als ich an der Rezeption nach Zimmer 27 und dem Geist frage, wird der Concierge ganz unruhig. Er flüstert mir ebenfalls ins Ohr und sagt: Mme Augier möchte nicht, dass ich über den Geist spreche. Alles klar, sage ich und verabschiede mich  diskret. Ich trete ans Tageslicht auf die Promenade und stelle mir vor, wie hier in den 50ern die Paparazzi auf Romy und Alain gewartet haben.

Das Negresco – ein spezieller Ort für eine andere Generation.

 

 

 

 

12 in 12 – Plattenbauten: Architektonisches Verbrechen oder Vision?

Eine Fussgängerzone, eine Rockband, die auf einem von Betonwänden umzingelten Platz spielt, Kids, die rumsitzen und am Rande der Siedlung ein grosses, funkelndes Shopping Center. Ich bin in Berlin MarzahnHellersdorf – dem Stadtteil im Osten Berlins mit der grössten Plattenbausiedlung der Welt.

Es ist überraschend grün hier in Marzahn. Grosse Wiesen, Wälder rundherum und gar nicht so das düstere Bild, das man von einer Plattenbausiedlung in der Regel hat. Plattenbauten sind für mich der typische Baustil einer Grossstadtsiedlung in der ehemaligen DDR. Doch entstanden ist der Plattenbau weit davor.

Die Abkehr vom Historismus und seinen verspielten Formen und der Verzicht auf Dekoration und die Verwendung einheitlicher Materialien förderte ein uniformes Erscheinungsbild der Gebäude. Einheit und Gleichheit. Das war die Idee des Plattenbaus.

Die ersten Plattenbauten gab es in New York, genauer gesagt in Forrest Hills im Stadtteil Queens. Das war 1910. In Deutschland hielt der Plattenbau 1925 in der Frankfurter Siedlung und ein Jahr später in Berlin-Lichterberg Einzug. Auch Le Corbusier hatte seine Finger im Spiel. Der Verzicht auf Dekoration, fabrikgefertigte Einzelbauteile, die sogenannten Platten, machten den Bau schnell und für die damalige Zeit auch modern.

Viele der ersten Siedlungen sind architektonisch durchaus wertvoll und erinnern an das Prinzip der Funktionalität, das von der Bauhausbewegung gepredigt wurde. Dieses Prinzip nahm sich die Deutsche Demokratische Republik zum Vorbild, trieb es aber einen Schritt zu weit.

Mit dem staatlichen Wohnungsbauprogramm von 1972, das die Beseitigung des Wohnraummangels bis 1990 zum Ziel hatte, wurde der Plattenbau zum wichtigsten Neubautyp erhoben. Neue Stadtteile oder ganze Städte mit bis zu 100.000 Einwohnern, wie Halle-Neustadt, wurden meist gänzlich in Plattenbauweise errichtet. Im Rahmen des Wohnungsbauprogramms wurden insgesamt etwa drei Millionen Wohnungen neu gebaut oder saniert. In der DDR wurden die Bauten übrigens nicht Plattenbau, sondern ganz einfach Neubau genannt.

Während das Plattenbauprinzip im Osten Deutschlands, zumindest was den sozialen Frieden angeht, sehr gut funktioniert, werden die Siedlungen in Westdeutschland schnell zu sozialen Brennpunkten.  Die Bewohnerstruktur der Siedlungen zeichnet sich teilweise durch höhere Arbeitslosigkeit sowie verstärkte Migrantenanteile aus. Diese Unterprivilegierung führt meist zu einer überdurchschnittlich hohen Kriminalitätsrate.

In den letzten Jahren werden in Deutschland und Berlin immer mehr Plattenbauten abgerissen und sollen neuen zeitgerechten Bauten weichen. Einige Plattenbauten werden jedoch auch saniert, wie hier in Marzahn. Die Gebäude sind neu verpackt, modernisiert und aufgepeppelt. Es schient gut zu funktionieren. Leere Wohnungen sind hier nicht auszumachen. Zwar steigt die Jugendkriminalität, besonders unter den 8 bis 14-jährigen in Marhzahn-Hellersdorf leicht an, hält sich aber insgesamt noch im Rahmen.

Nochmals zur Ausgangsfrage. Waren Plattenbauten ein architektonisches Verbrechen oder eine geniale Vision der Zukunft? Ich lege mich da mal nicht ganz fest. Optisch finde ich diese riesigen Bauten schon ein Dorn im Auge und somit sind sie visuell sicher mehr Verbrechen als Vision. Doch in der Nachkriegszeit und angesichts der akuten Wohnungsnot gab es wohl keine bessere Lösung.

Noch ein kurzer Seitenblick. Rund um den Alexanderplatz in der Mitte von Berlin gibt es unzählige Plattenbauten. Einige davon sind mittlerweile extrem beliebt. Hipster, Journalisten, Künstler, Harz-4-Empfänger und ein paar Alteingesessene wohnen hier Schulter an Schulter. Die geniale Aussicht, die zentrale Lager und die erschwinglichen Mieten sind kaum zu schlagen. Die Platte und ihre strenge Ästhetik wurde zumindest hier rehabilitiert.

 

 

12 in 12 – Impressionen aus Potsdam

Nur eine halbe Stunde von Berlin entfernt liegt Potsdam, die Hauptstadt des Bundeslandes Brandenburg. Die Stadt als ehemalige preussische Residenzstadt mit ihren vielen Schloss- und Parkanlagen  ist sicher ein Kandidat für den Titel der schönsten Stadt Deutschlands.

Kein Wunder, dass Potsdam von der UNESCO in die Liste des Weltkultur- bzw. Naturerbes der Menschheit aufgenommen wurde.

Hier fühlt man sich, wie in eine andere Zeit versetzt. Ob das Schloss Sanssouci, der Marmorpalais, das Orangerieschloss, das Schloss Babelsberg, das neue Palais und das Schloss Glienicke, die Sehenswürdigkeiten finden kein Ende.

Hier lebt ein Deutschland, das man sich nur schwer vorstellen kann. Romantisch, poetisch und erhaben.

Ich lasse da einfach mal die Bilder sprechen:

12 in 12 – Rosen im Wasser von Giverny

Ich erinnere mich, als ob es gestern war. Es war Ende der achtziger Jahre. Ich stand in London’s National Gallery vor Claude Monet’s Bild der Seerosen unter der japanischen Brücke. Ich war hypnotisiert und tauchte ein ins tiefe Grün der Pflanzen und des Wassers. Ich hatte sie gefunden, meine Einstiegsdroge in die Kunst. Eine Droge, die mich nie mehr losgelassen hat.

Ich stieg zwar später auf andere Drogen um, auf Pollock, Richter, Abramovic, Sherman, Gurksy und Bacon. Monet war mir zu süss und zu Mainstream. Doch ganz verloren ging die Wirkung seiner Werke nie. Monet schafft es, wie wohl kein anderer, eine Unschuld und Ruhe zu kreieren, ohne dabei ins Seichte und Gekünstelte abzudriften.

Ich hatte mir nie wirklich Gedanken gemacht, wo Monet  seine Inspiration hergeholt und die Seerosen unter der japanischen Brücke gemalt hat. Wo sass er, gab es den Ort wirkich, und wenn ja in welcher Stadt und in welchem Land?

Ich hatte vom Garten in Giverny nie gehört. Umso faszinierter war ich, als ich davon erfuhr, dass der Garten in Giverny Monet nicht nur gehörte, sondern dass er dort jede einzelne Pflanze nach einem genauen Plan anpflanzen liess und oft auch selbst Hand anlegte.

Giverny liegt weniger als eine Autostunde von Paris entfernt. Der Garten ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Noch Fragen? Da musste ich hin. Die Brücke und die Seerosen nicht nur sehen, sondern spüren und erleben. Was kann schöner sein?

Ich möchte Euch nicht mit Einzelheiten langweilen. Doch wer hier in Giverny nicht zum Romantiker wird und wer hier nicht spürt, wie schön das Leben sein kann, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ja klar, ihr müsst anstehen, um in den Garten zu kommen und allein werdet ihr nicht auf der Brücke stehen können. Doch all das ist egal. Wenn sich die Sonne im Wasser spiegelt, die Seerosen blühen, die Luft vibriert und die Bäume sanft im Wind rauschen, dann verstummen alle Nebengeräusche; dann gibt es nur Monet, die Rosen und dich. Dann kannst du hören, wie der Pinsel die Leinwand streichelt, die Farbe mit Sorgfalt gemischt wird und wie pure Magie entsteht. Dann ist alles im Einklang.

Insgesamt hat Monet 250 Bilder mit seinen “Water Lilys” in Giverny  gemalt. Eines grandioser als das Andere. Monet, der 86 Jahre alt wurde (1840-1926), malte die letzten 30 Jahre seines Lebens kaum ein anderes Motiv als seine Seerosen.

Monet war von seinem Anwesen in Giverny besessen. Er bezeichnete denn auch seinen Garten und nicht eines seiner Bilder als sein grösstes Meisterwerk. Da möchte ich dem Meister lieber nicht widersprechen.

 

12 in 12 – Minimalismus in Perfektion

Alles ist so herrlich funktional und einfach. Kein Stein wurde hier verbaut, der nur der Ästhetik dient, sondern alles hat seinen Sinn und Zweck.

20 Minuten mit dem Zug vom Gare St. Lazard steht eines der grössten Meisterwerke der modernen Architektur: Die Villa Savoye des Schweizer Architekten Le Corbusier.

Ja, genau. Das ist der Architekt, der mal gesagt hatte: “Alle Häuser sollten von Gesetzes wegen weiss sein”, und weiss ist sie denn auch die Villa Savoye

Corbusier hatte sein legendäres Manifest der Architektur geschrieben und es in der Villa Savoye in Poissy 1928 bis 1931 perfekt umgesetzt.

Die Villa steht hochgelegen auf einem weitläufigen Grundstück, inmitten einer grossen Wiese umgeben von Laubbäumen und mit Sicht auf die Seine. Seit 2016 ist die Villa ein Weltkulturerbe der Unesco.

Das Haus strahlt eine Ruhe aus, die in nur wenigen Gebäuden zu finden ist. Licht durchflutet die Räume, ohne störend zu sein. Die Fenster sind unterteilt, um eine gewisse Privatsphäre und vor allem auch gleichmässiges Licht zu garantieren. Alles ist zeitlos gebaut. Eine Seltenheit in der modernen Architektur. Oft sehen Gebäude schon nach zehn Jahre so aus, als ob sie nicht mehr zu unserer schnelllebigen Welt passen. Die Villa Savoye könnte heute noch genau so gebaut werden und wäre auch heute noch ein Meisterwerk.

Ein weiteres Zitat von Le Corbusier fällt mir da ein, wenn ich vor der Villa stehe.”Ich bevorzuge das Zeichnen gegenüber dem Reden. Zeichnen geht schneller und lässt weniger Raum für Lügen.” Das passt so gut. Ehrlicher könnte ein Haus kaum sein als die Villa Savoye. What you see is what you get. Keine Beschönigungen.

Le Corbusier hatte sich während des Baus mit der Familie Savoye zerstritten. in den 50er Jahren übernahm die Stadt Poissy das Haus und wollte es abreissen. Erst massive Proteste und der Einsatz des französischen Kulturministers verhinderten das Undenkbare. Zum Glück.

Neben der Villa Tugendhat (Ludwig Mies van der Rohe, 1930), Fallingwater (Frank Lloyd Wright, 1937) und dem Haus Schminke (Hans Scharoun, 1933) gehört die Villa Savoye zu den bedeutendsten Wohnhäusern der Moderne.

Das sind die fünf Punkte des Manifests “Fünf Punkte zu einer neuen Architektur:

  1. Die Pfosten: Ein Raster von Betonstützen ersetzt die tragenden Mauern und wird zur Grundlage der neuen Ästhetik.
  2. Die Dachgärten auf einem Flachdach können sowohl als Nutzgarten wie auch zum Schutz des Betondachs dienen.
  3. Die freie Grundrissgestaltung (offener Grundriss) und damit der Wegfall von tragenden Mauern ermöglicht eine flexible Nutzung des Wohnraums.
  4. Das Langfenster durchschneidet die nichttragenden Wände entlang der Fassade und versorgt die Wohnung mit gleichmässigem Licht.
  5. Die freie Fassadengestaltung wird ermöglicht durch eine Trennung der äußeren Gestaltung von der Baustruktur.

12 in 12 – Wieviel Gentrifizierung ist zu viel?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich vor über 15 Jahren an den Washington Square Park in Manhattan zog. Damals kam mir das Village noch wild und ungeordnet vor. Doch für die Alteingesessenen war da schon eines klar: Die Gentrifizierung macht unser Quartier kaputt.

Kein Künstler könne sich mehr leisten, hier zu wohnen, nur noch die finanzkräftige Wirtschaftselite habe das Geld, hier ein Apartment zu mieten oder zu kaufen. Die ersten Starbucks-Filialen setzten sich fest, das Multiplex-Kino, ein H&M und schicke Restaurants waren die Vorboten von dem, was noch kommen sollte.

Ich fand diese Klagerei immer etwas bemühend. Jaja, früher war alles besser. Früher, als Du aufpassen musstest, dass Du unten auf der Strasse nicht überfallen wurdest, früher, als Du noch jung warst und keine Verantwortung hattest, früher als der Kaffee noch einen Dollar kostete…

Ich fand das Village inspirierend. Ich konnte es kaum abwarten, die Cupcakes der Magnolia Bakery zu probieren, den Käse von Murray’s  zu kaufen, bei Babbo das Tasting-Menu für 35 Dollar zu kosten und mir bei Joe’s einen Kaffee zu holen. All das hatte für mich immer noch viel Authentizität und Dynamik, strotzte vor Kreativität und Energie und war Spannung pur. Es gab keinen Ort, an dem ich zu dieser Zeit lieber gewesen wäre, als im Village oder auch  in Soho.

15 Jahre später bin ich wieder in New York. Klar, ich war in der Zwischenzeit einige Male zu Besuch hier. Doch meist eher kurz, Freunde besuchen und gut essen. Da hatte ich jeweils nicht so richtig gemerkt, dass sich die Stadt verändert hatte.

Sie hat sich verändert und zwar wie. Genrifizierung in Vollendung würde ich mal sagen, was immer das heissen mag. Die Häuser sind noch immer traumhaft schön, das Kopfsteinpflaster hat noch immer Löcher und die Fassaden sehen auf den ersten Blick noch total nach Vintage aus. Doch wenn ich genauer hinsehe, dann steckt hinter dieser “unperfekten” Oberfläche viel Perfektion – zu viel. Alles ist so aufbereitet, wie man sich New York aus dem Bilderbuch vorstellt.

Jeder Laden ist ein Millionengeschäft. Wer nicht eine “Big Brand” vertritt, der hat hier keinen Platz mehr. Besonders Soho fühlt sich mittlerweile an wie Disney World. Eine grosse Open Air Mall fast ausschliesslich mit Touristen gefüllt, ohne Herz und ohne Seele.

Gentrifizierung. Jaja, früher war alles besser. Ich hasse es, wenn das jemand sagt. Ehrlich gesagt habe ich nichts gegen einen gewissen Grad an Gentrifizierung. Für mich bedeutet das auch Sicherheit und Qualität. Doch was zu weit geht, das geht zu weit. Ich habe keine Lust, dass die viellecht “greatest city on earth” bald so aussieht, wie irgend eine x-beliebige moderne Stadt in China. New York soll New York bleiben.

Zurück zur Frage: Wieviel Gentrifizierung ist zuviel… soviel wie in Soho und leider auch im Village ist die Antwort.

Zum Glück gibt es sie noch, die Ecken der Stadt, die ihre eigene Identität haben. Das East Village, die Lower East Side, Teile der Upper West Side und Brooklyn.

Deshalb sind wir dieses Mal auch nicht nach Manhattan gezogen, sondern nach Prospect Heights in Brooklyn. Doch dazu später mehr.

 

Schwalbe fliegt nach…12 in 12 in der NZZ

Ein kleiner Break von Los Angeles. Der nächste Beitrag aus der Serie: Schwalbe fliegt nach… in der NZZ ist erschienen. Dieses Mal ist Tokio an der Reihe. Klickt hier drauf, um den Artikel zu lesen. Für die NZZ bzw. NZZ Bellevue nehme ich Objekte und Zeichen unter die Lupe, die für die locals alltäglich erscheinen, dem Besucher aber ins Auge springen. Daraus soll eine Art Atlas des Corporate Designs von zwölf Weltstädten und Stadtkulturen entstehen. Diese Episode beschäftigt sich mit Bangkok. Wie immer auch hier auf Trendengel sind die Fotos von mir selber geschossen und exklusiv. Viel Spass.

Hier nochmals der ganze Link, falls ihr lieber so klickt:
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12 in 12 – Der Vergänglichkeit auf der Spur

Es weht ein ganz leiser Wind. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne brennt und die Luft feucht. Es ist still hier in Ayutthaya zwischen den grossen Türmen des Wat Phra Si, des königlichen Tempels auf dem Gelände des alten Königspalastes in Ayutthaya, nur eine kurze Zugfahrt von Bangkok entfernt. Wenig deutet noch darauf hin, dass hier vor 700 Jahren eines der mächtigsten Königreiche entstanden war, das die Welt je gesehen hat: Siam.

Von hier aus wurden Burma, Thailand und Teile Chinas kontrolliert. Hier lebten schon früh chinesische Kaufleute, wurden japanische Samurai-Söldner engagiert und bauten Niederländer, Briten, Perser, Inder, Portugiesen, Franzosen und Spanier ihre Handelsbeziehungen auf. Ayutthaya war eine richtige Weltstadt.

Doch heute ist hier niemand mehr. Wie wird das bei uns in zweihundert Jahren sein? Ist es denkbar, dass New York, London und Paris irgendwann nur noch Ruinen sind und die Musik woanders spielt. Schwer vorzustellen. Doch möglich ist alles.

Das abrupte Ende von Ayutthaya kam im 18. Jahrhundert. 1765 begannen die Birmanen einen  Grossangriff auf Siam. König Hsinbyushin sandte zwei Armeen aus, die das Reich Ayutthaya von Norden und von Süden in die Zange nehmen sollten. Im Februar 1766 schließlich tauchten die Birmanen vor Ayutthaya auf und begannen eine einjährige Belagerung.

Nach einem verheerenden Brand innerhalb der belagerten Stadt, der 10000 Häuser vernichtet haben soll, flohen viele. Am Abend des 7. April 1767 fiel Ayutthaya, ein Teil der Stadtmauer stürzte ein und die Birmanen stürmten die Stadt.

Tempel und Paläste wurden geplündert und in Brand gesetzt, Kunstschätze und Büchereien, ebenso wie die Archive mit historischen Aufzeichnungen wurden vernichtet. Alle Menschen, allen voran Künstler und Handwerker, wurden von den Siegern zusammengetrieben und nach Birma gebracht, wo allerdings nur wenige ankamen. Schließlich war die große Stadt völlig menschenleer und das ist sie bis heute.

Die mehr als vierhundertjährige Geschichte Ayutthayas nahm damit ein Ende. Ayutthaya wurde seiner gesamten Führung beraubt: Der König war auf der Flucht ums Leben gekommen, der Thronfolger im Kampf gefallen. Das Land verfiel ins Chaos und die Lage der Bevölkerung war katastrophal. Thailand war seiner Seele beraubt.

Ayutthaya ist heute ein Weltkulturerbe der Unesco. Hier ist es genau so magisch wie in der Tempelanlage von  Angkor Wat mit dem grossen Unterschied, dass sich nach Ayutthaya kaum ein Tourist verliert. Wer hier mit dem Fahrrad durch die Gegend fährt, ist fast allein.

In Ayutthaya wird einem bewusst, wie klein und unbedeutend das eigene Leben ist, und das ist auch ganz OK so. Als ich klein war wollte ich immer mal ein Denkmal haben. Warum eigentlich? Warum treibt es viele Erdenbürger an, etwas auf diesem Planeten zu hinterlassen, um nicht vergessen zu werden? Aber dazu vielleicht ein anderes Mal…

 

12 in 12 – Hoch lebe die Hochkultur für alle

“Hola, was kosten zwei Karten für das Galakonzert zum Tag des Tangos mit den beiden Tangolegenden Raúl Lavié y María Graña?” frage ich am Schalter im Centro Cultural Kirchner. Die Dame schaut mich etwas verwirrt an und antwortet: “Die sind umsonst” und drückt mir die Karten in die Hand.

Umsonst? Das kann doch nicht sein. Ist ihr da ein Fehler unterlaufen? Und die Vorführung vom Orchester unter der Leitung von Nicolas Ledesma? Auch umsonst.

Pahh. In der Tat. Im Centro Cultural Kirchner ist immer alles umsonst. Ob die neue Ausstellung von Brian Eno, das Gastspiel von Ute Lemper oder der grosse Auftritt des argentinischen Nationalorchsters. Umsonst. Bis zu zehn Veranstaltungen, von Lesungen über Konzerte und Workshops, im Centro Cultural Kirchner, das letztes Jahr in der alten Post eröffnet wurde, zahlt man nie was.

Das ist kaum zu fassen. In einem Land, wo der Staatshaushalt so gut wie immer in Schieflage ist, kann man Kultur gratis und franko satt haben und zwar nicht nur im Centro Cultural Kirchner, sonder so gut wie überall. Die neue argentinische Superband Ovvol spielt im Centro Cultural Recoleta ohne Eintritt zu verlangen, das internationale Tanzfestival, das in der ganzen Stadt eine volle Woche lang stattfindet – all free. Filmvorführungen in alten Kinos, Theater, Tanzstunden, Jazz, moderne Kunst, Comedy…was immer das Herz begehrt. Wie gesagt, umsonst.

Allein ins atemberaubende Kirchner-Zentrum kommen jeden Tag rund 10’000 Zuschauer, was die Institution sozusagen über Nacht zur viertgrössten Kulturstätte der Welt gemacht hat. Kultur wird in Argentinien als Grundrecht angesehen und die Ausgaben für die Institutionen als Investition und nicht als Kosten. Das sehe ich auch so. Wer sieht, wie glücklich die Leute sind, die hier herkommen und wie sie es schätzen, wie sie gespannt zuhören und miteinander über das Gebotene diskutieren, der merkt, dass Kunst und Kultur nicht nur was für ein paar abgehobene Intellektuelle ist, sondern was fürs Volk – man muss ihnen nur den Zugang dazu geben.

Warum ich Euch das alles erzähle? Ich frage mich, warum sowas wie hier in Buenos Aires nicht auch in unseren Breitengraden möglich ist. Warum kann es nicht Räume geben, in denen sich die Masse ganz  ohne Zwang auf Kultur und Kunst einlassen kann? Ja klar gibt es Kunstförderung, Tage an denen Museen umsonst oder verbilligt sind, Jugendrabatt, Theaterclubs, mal eine Opernübertragung auf dem grossen Platz  und sonst auch alles Mögliche. Doch das ist nicht dasselbe.

Kultur als Grundrecht ohne tief in die Tasche greifen zu müssen. Das trägt dazu bei, in unseren manchmal doch allzu kühlen und unpersönlichen Gesellschaft etwas Zusammenhalt und Wärme zu schaffen. Ich ziehe den Hut vor Argentinien, Buenos Aires und ganz besonders vor dem Centro Cultural Kirchner My new favorite place und ein Vorbild für uns alle.

Schwalbe fliegt nach…12 in 12 in der NZZ

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Der nächste Beitrag aus der Serie: Schwalbe fliegt nach… in der NZZ ist erschienen. Klickt hier drauf, um den Artikel zu lesen. Für die NZZ bzw. NZZ Bellevue nehme ich Objekte und Zeichen unter die Lupe, die für die locals alltäglich erscheinen, dem Besucher aber ins Auge springen. Daraus soll eine Art Atlas des Corporate Designs von zwölf Weltstädten und Stadtkulturen entstehen. Diese Episode beschäftigt sich mit Mexico CIty. Wie immer auch hier auf Trendengel sind die Fotos von mir selber geschossen und exklusiv. Viel Spass.

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P.S. 12 in 12 ist jetzt übrigens auch auf “Neon”, ihr wisst schon, das intellektuelle Ding aus dem Hause “Stern”