Category Archives: Meinung

12 in 12 – Stolpersteine

Jeder kennt das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das HolocaustMahnmal direkt neben dem Brandenburger Tor, das an die rund 6 Millionen Juden, die unter der Herrschaft Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten ermordet worden sind, erinnert. 2711 Stelen aus Beton auf 19’000 Quadratmetern sind nicht zu übersehen.

Als ich in die Betonlandschaft hineinlaufe und ziemlich schnell in den  dunklen Schluchten verschwinde, macht sich in mir ein beklemmendes Gefühl der Orientierungs- und Hilflosigkeit breit. Ich weiss nicht recht, wo ich bin und in welche Richtung ich laufen soll. Ich muss aufpassen, dass hinter der nächsten Ecke nicht jemand hervorkommt und mir den Weg abschneidet. Ein unangenehmes Gefühl. Das Mahnmal ist umstritten, doch ich finde, es ist gelungen.

Weniger bekannt, als das grosse Holocaust-Mahnmal sind die kleinen, Stolpersteine genannten goldenen Pflastersteine, die in der Stadt verteilt vor unzähligen Hauseingängen eingelassen wurden. Achtet mal darauf, wenn ihr das nächste Mal in einer europäischen Grossstadt spazieren geht. Sie sind überall.

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 in Köln begann. Mittlerweile gibt es in ganz Europa verteilt über 60’000 dieser kleinen goldenen Pflastersteine. In keiner Stadt gibt es so viele Stolpersteine wie in Berlin. Rund 7000 sind es schon. Täglich werden es mehr.

Damit sollen die gesichtslosen Opfer, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, wieder ein Gesicht bekommen. Auf den Steinen stehen neben dem Namen und des Geburtsjahres  das Datum der Deportation und der Ort der Ermordung.

In ganz Europa gibt es mittlerweile Stolpersteine. Es ist nicht immer ganz einfach, dafür eine Bewilligung zu bekommen. Schliesslich handelt es sich um öffentlichen Grund. Einige deutsche Städte wie München, aber auch Paris und Moskau haben sich deshalb bisher dagegen gesträubt, mitzumachen. Schade.

Wenn ich die Steine hier in Berlin sehe, bleibt mir schon oft  die Spucke weg. Während das Mahnmal an einem bestimmten Ort steht und ich nur damit konfrontiert werde, wenn ich ans Brandenburger Tor gehe, sind die Stolpersteine Teil meines Alltags. “Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagte Gunter Deming einmal.

12 in 12 – Berlin – Data Kitchen: The Future is Now

Keine Stadt ist so Cutting Edge wie Berlin. Das behauptet die deutsche Hauptstadt zumindest gerne von sich selber. Na gut, dann will ich  das doch gleich mal testen.

Data Kitchen heisst das Versuchsobjekt und liegt etwas versteckt in den Hackeschen Höfen in Berlin Mitte.

“Der digitaliserte Automat! Slow food fast”

heisst der Werbespruch der Data Kitchen.  Entwickelt wurde alles von Startup-König Heinz Gindullis in Zusammenarbeit mit SAP. Das will schon was heissen.

Bestellt wird ausschliesslich über eine App bzw. den Browser. Ja, das ist per se nichts Neues. Auch bei Starbucks kann ich den Kaffee über meine App bestellen. Doch wartet ab.

Ich sitze in Kreuzberg, Es ist kurz nach 12 Uhr Mittag. Ich habe Hunger. Ich bestelle auf der App von Data Kitchen einen kleinen Bio-Salat, frisches Gemüse und einen Strammen Max. Um Punkt 12:45 will ich es bereit stehen haben. In zwei Minuten ist alles bestellt und  bezahlt. Jetzt muss ich nur noch hin.

Ich mach mich fertig, schwinge mich aufs Fahrrad und bin um 12:43 da. Auf meiner App sehe ich, dass das Essen gleich fertig ist. Ich betrete die Data Kitchen  und werde von einer digitalen Wand begrüsst – Good Wall wird sie genannt. Rund 20 Boxen mit modernsten Screens, hinter denen sich Essen verbirgt.

In dem Moment fängt eine Box an zu leuchten. Mein Name wird eingeblendet. Dahinter mein Essen. Ein perfekt zubereiteter Salat und in der nächsten Box mein Biogemüse. Mit der App öffne ich das Sesam per Knopfdruck. Die Klappe geht auf und ich schnappe mir meine Bestellung. Wie von Geisterhand geht die Box gleich wieder zu. Schon cool.

Die Temperatur stimmt aufs Grad. Das Gemüse ist super frisch und alles schmeckt klasse. Der Salat ist ein Gedicht und der stramme Max, der etwa zehn Minuten später bereit steht, denn die App weiss, dass man nicht alles miteinander essen kann, eine Geschmacksexplosion.

Keine Roboter, die herumfahren, keine 3D-Drucker, die für dich kochen, sondern eine richtige Küche und ein gemütlicher Raum. Hinter dem Tresen steht ein echter Mensch, der sogar kurz nach vorne kommt, um zu helfen, falls irgendwas mit den Boxen schief gehen sollte.

“Slow Food – fast” ist keine leere Versprechung. Alles klappt wie am Schnürchen. Der Grosse Vorteil? Man muss weder aufs Essen, noch  auf die Rechnung warten. Keine unnötige Ablenkung, sondern volle Mittagspause ohne Ärger.

Berlin hat den ersten Test bestanden. Cutting Edge in der Tat. Würde ich wieder kommen? Ja, doch weniger wegen der Technologie, sondern wegen des tollen Essens. Die Data Kitchen rocks.

Ihr könnt es euch nicht so richtig vorstellen? Watch the Video:

 

 

 

 

 

 

12 in 12 – Städterating Paris

Dies ist der letzte Eintrag aus Paris. Es is an der Zeit, die Stadt zu bewerten.

Ein Monat ist nicht viel Zeit, doch genug, um einen Eindruck zu gewinnen, wie eine Stadt tickt. Deshalb haben wir ein Städterating erarbeitet, das sich von den gängigen Modellen der Mercers dieser Welt unterscheidet. Wir achten weniger auf das Bildungssystem, das politische Umfeld und das Gesundheitssystem, sondern mehr auf Faktoren, die eine Stadt einzigartig machen. Das Rating in neun Kategorien geht von 1 (schlecht) bis 10 (grandios) und spiegelt unser rein subjektives Empfinden:

Die Leute: 7

Mann sind die Pariser nett geworden. Hilfreich, höflich und fröhlich und immer ein Scherz auf den Lippen. Besonders die junge Generation ist offen und “welcoming”. Das Klischee vom unfreundlichen Pariser ist nur noch ein Klischee.

Kulturelles Angebot: 9

Wer etwas französisch spricht, der sollte unbedingt auch mal die Theater oder die tollen Studiokinos mit ihren Reprisen ausprobieren. Macht so viel Spass. Auch Musik, Museen und alles andere, was mit Kultur zu tun hat, wird in Paris gross geschrieben. Paris kann durchaus mit Metropolen wie London, New York und Los Angeles mithalten und hat dabei eine angenehm französische Note, die Einheitsbrei vermeidet.

Food: 8

Ich fand immer, dass Paris in den neunziger Jahren stehen geblieben ist und die weltweite Food Revolution total verschlafen hat. Das ist vorbei. Paris ist aufgewacht und spannend. Dass französischer Food ohnehin gut schmeckt, muss ich euch ja nicht erzählen. Doch mittlerweile gibt es alles, was ihr euch wünschen könnt. Ein Erlebnis.

Preisniveau: 4

Paris ist teuer und das kommt von einem, der die Preise in Zürich gewöhnt ist. Klar kann man auch günstig einkaufen, wenn man auf die Märkte geht und etwas vergleicht, Doch unter dem Strich muss man hier schon tiefer in die Tasche greifen, als in den meisten Städten Europas.

Öffentlicher Verkehr: 7

Paris hat das bete Fahrradsystem der Welt. Überall Stationen, immer Fahrräder da und Kostenpunkt ist fast Null (take note, New York). Deshalb braucht man fast nichts anderes als das Fahrrad. Die Bahn ist etwas langsam und die Aircon könnte besser sein. Der Verkehr in der Stadt ist dicht, doch nicht unerträglich.

Wetter/Klima: 6

In unserem Monat hatten wir das perfekte Wetter. Doch aufs Jahr gesehen hat Paris ein gutes, aber kein überwältigendes Klima. Im Winter kann es durchaus kalt werden und regnen tuts auch recht oft. Wenn das Wetter allerdings wie bei uns schön ist, dann ist Paris schwer zu schlagen.

Sicherheit: 8

Wir haben uns super sicher gefühlt in Paris. Das lag auch daran, dass wir im “poshen” 6. Arrondissement gewohnt haben, doch auch in den Aussenquartieren ist Paris viel besser als sein Ruf.

Fun/Feel-Good-Faktor: 10

Eine glatte 10 und das zum ersten Mal.  Hier habe ich mich pudelwohl gefühlt. Die Stadt gibt einem Geborgenheit und man schwebt teilweise im siebten Himmel. Schön, inspirierend und ansteckend aufregend. Das ist Paris.

Coolness/Kreativität: 7

Cool sind sie ja, besonders die Pariserinnen mit ihrem unverwechselbaren Stil. Was Kreativität anbelangt, da kann Paris noch etwas zulegen. Alles ist recht konservativ und nicht unbedingt super progressiv. Natürlich gibt es Ausnahmen. Doch wir vergleichen hier ja auf hohem Niveau.

Gesamtergebnis: 66 Punkte. Das ist hinter den beiden punktgleichen Spitzenreitern Tokio und Los Angeles punktgleich mit Mexiko City Platz 3 noch vor New York und Moskau.

 

Nächster Stopp: Berlin

12 in 12 – Rive Gauche vs. Rive Droite

In Paris ist man entweder Rive Gauche oder Rive Droite. Was das heisst? Man ist entweder vom Ufer südlich der Seine (Rive Gauche) oder nördlich der Seine (Rive Droite). Es ist zwar nicht ganz so krass wie in London, wo der Nord-Londoner kaum mal nach Südlondon geht und umgekehrt. Doch ähnlich ist es schon. Mein Vermieter im 6eme Arrondissement an der Rue du Cherche-Midi hat am Kühlschrank ein Magnet mit der Aufschrift: “100% Rive Gauche”. Ich glaube, er ist seit Jahren nicht mehr auf der anderen Seite gewesen…

Historisch gesehen wird das Rive Droite von Handel, Wirtschaft und Luxus geprägt, das Rive Gauche von Kultur und Bildung. Das ist heute anders. Die Stadt hat sich weiterentwickelt.

Rive Droite sind Louvre, Champs Elisées, die Börse und die Ausgangsviertel um Bastille und Belleville. Das Rive Gauche sind der Eifelturm, der Jardin du Luxembourg und das Paris aus dem Bilderbuch.

Um herauszufinden, welches Flussufer tatsächlich besser ist, steigen die beiden Seiten für euch in den Ring. Über zehn Runden wird ausgeboxt, wer den Titel davonträgt.

Runde 1: Kultur und Museen

Da hat das Rive Droite die Nase vorne. Nicht nur der Louvre und das Grand Palais, sondern auch die Mehrzahl der coolen Gallerien sind auf der rechten Flussseite. Das gilt auch für Theater und Konzertsäle. Da  kann die Left Bank mit  Rodin Museum und Musée d’Orsay nicht ganz mithalten.

Rive Gauche 0 :1 Rive Droite

Runde 2: Bilderbuchparis

Klarer Sieger Rive Gauche. Im 5., 6., und 7. Arrondissement ist es so schön, wie ihr es in euren kühnsten Träumen kaum vorstellen könnt. Paris aus dem Bilderbuch. Kein Wunder, dass das 6eme die höchsten Quadratmeterpreise der Stadt hat, wenn es ums Wohnen geht.

Rive Gauche 1:1 Rive Droite

Runde 3: Restaurants

Das ist eine schwierige Entscheidung. Die schöneren Bistros mit mehr Flair und weniger Touristen gibt es ohne Frage im Rive Gauche. Doch sowohl die Gourmettempel dieser Stadt als auch die kreativen Food-Konzepte haben im Rive Droite die Nase vorn. Winner: Rive Droite

Rrive Gauche 1: 2 Rive Droite

Runde 4: Grünflächen

Die Tuileries sind zwar nett (Rrive Droite). Doch der Jardin du Luxembourg schlägt sie alle. Zusammen mit dem Jardin des Plantes, der auch zum Rive Gauche gehört und dem Champ de Mars, ist das ein klarer Win fürs Rive Gauche.

Rive Gauche 2:2 Rive Droite

Runde 5: Hipster-Faktor

Da war das Rive Gauche mal ganz weit vorne mit all den Philosophen von Voltaire über Rousseau und De Beauvoir. Doch mittlerweile geht im Norden die Post ab – ob im nördlichen Marais, am Kanal, in Belleville oder Oberkampf. Das Rive Droite gewinnt.

Rive Gauche 2:3 Rive Droite

Runde 6: Lifestyle Shopping

Das ist eine enge Kiste. Zwar hat das Rive Droite auch alle Luxustempel und viele kleine süsse Geschäfte. Doch so gemütlich und kreativ wie im Rive Gauche ist es dann doch nicht. Dazu kommen viele coole Vintage Shops am linken Ufer.

Rive Gauche 3:3 Rive Droite

Runde 7: Food, Patisserien und Boulangerien

Da gewinnt das Rive Gauche hands down. Die Grande Epicerie, die Märkte, die Patisserien, Bioshops. Einfach ein Traum.

Rive Gauche 4: 3 Rive Droite

Runde 8: Ausgehen

Direkt an der Seine ist es auf der linken Seite deutlich besser. Die Bistros und Weinbars des Rive Gauche haben viel mehr Charme als ihre Brüder und Schwestern im Norden. Klar, die Hipsterbars sind mehr im Norden (trotz Wanderlust) . Doch fürs Hipstertum hat das Rive Droite schon einen Punkt gekriegt. Ich stimme für das Rive Gauche.

Rive Gauche 5:3 Rive Droite

Runde 9: Surprise Factor

Auf der Nordseite des Flusses wird man eher mal überrascht, als auf der Südseite. Hier gibt es eher schräge Vögel, Streitereien, Dreck, Staunen und Ärger. Das alles ist toll. Ich mag Dreck und Ärger… Der Punkt geht ans Rive Droite.

Rive Gauche 5:4 Rive Droite

Runde 10: Wohfühlfaktor

Das ist noch ein Soft Faktor- ich weiss. Doch für mich ist er unglaublich wichtig. Zwar mag ich sonst die kreativen und progressiven Quartiere der grossen Metropolen besonders gut und das würde für die nördlichen Pariser Quartiere sprechen. Doch in Paris ist das irgendwie anders, weil hier Tradition noch gelebt wird weil sie hier nicht fehl am Platz ist . Total subjektiv wie alles auf Trendengel geht der Punkt deshalb ans Rive Gauche.

Endresultat:

Rive Gauche 6:4 Rive Droite

Das Rive Gauche ist mein Favorit und das 6eme Arrondissement mein Lieblingsviertel.

 

 

12 in 12 – Die Dornenkrone von Jesus

Ich kann es kaum glauben, als ich es höre. Die Dornenkrone, die Jesus am Kreuz getragen hat, soll sich in der Kirche Notre Dame befinden, der Kirche die heute dank dem berühmten Glöckner wohl jedes Kind kennt. Die echte, 2000 Jahre alte Dornenkrone. Ein schlechter Scherz? Keineswegs.

Die Krone ist nicht etwa weggeschlossen, sondern wird den Gläubigen jeden ersten Freitag im Monat in einer Prozession präsentiert. Doch damit nicht genug. Die Krone wird nicht nur gezeigt, sondern am Ende eines kurzen Gottesdienstes kann jeder der will, die Krone aus allernächster Nähe begutachten und ihr einen Kuss geben. Nein, nein, das habe ich nicht geträumt. Das ist wirklich so. Indianerehrenwort.

Es ist kurz vor drei Uhr. Ich sitze in der vierten Reihe der Notre Dame de Paris, die von 1163 bis 1345 errichtet und  eine der frühesten gotischen Kirchengebäude Frankreichs ist. Ich musste weder anstehen, noch einen Ausweis zeigen, noch als Test das Vater Unser aufsagen. Ich bin einfach so in der Kirche.

Mit Weihrauch und Dutzenden von Priestern begleitet wird die Dornenkrone sowie ein Nagel, mit dem Jesus ans Kreuz gehängt wurde und auch ein Stück Holz des Kreuzes in die Kirche getragen.

Das ist schon ein schräger Film. Ich bin im Prinzip ja nicht gläubig und fühle mich etwas fehl am Platz. Doch irgendwie ist das Ganze schon ergreifend. Die Leute neben und vor mir sind teilweise wie in Trance. Sie singen und sie huldigen. Es herrscht eine sonderbare Spannung.

Da ist sie nun, die in Glas eingebettete Krone. Ganz ohne Sicherheitspersonal wird sie durch den Raum getragen in einer Kirche, die nur gut gefüllt, doch keineswegs überfüllt ist. Die möglicherweise wichtigste Reliquie des Christentums ist nur wenige Meter von mir entfernt,

Mir schiesst durch den Kopf, wieviel die Krone wert ist. Unbezahlbar ist sie wohl. Im Gegensatz zu einem Ölbild von Basquiat, das gerade für über 100 Mio, Euro an einer Auktion wegging, existiert die Krone nur ein einziges Mal. Ein Dieb hätte hier recht leichtes Spiel…weg mit diesen Gedanken, Warum komme ich nur auf solche Ideen?

Ob die Krone wirklich echt ist oder nicht, ist Glaubenssache. Das Material der Krone ist in der Bibel nicht überliefert. Verschiedene Pflanzen, wie Christusdorn oder Weissdorn, kommen dafür in Frage.  Der französische König Ludwig IV. erwarb die Reliquie neben anderen ebenfalls weltbekannten Reliquien, wie Teilen des Kreuzes und der Spitze der Lanze des römischen Hauptmannes Longinus 1237 in Konstantinopel und liess zu deren Aufbewahrung die Kapelle Sainte-Chapelle errichten. Ab 400 nach Christus gibt es Nachweise, dass es sich wirklich u die Krone handelt. Davor sind die Aufzeichnungen uneinheitlich.

Jetzt kommt der grosse Moment. Ich werde dazu aufgefordert, mich in die Reihe zu stellen und die Krone zu huldigen. Ich kann nicht anders, als mich auch anzustellen. Gleich ist es so weit. Soll ich, wie alle vor mir, der Krone auch noch einen kleinen Kuss geben? Darf ich das überhaupt als “Papierchrist”? OK, ich muss mich  entscheiden. Ich denke mir, dass wenn es tatsächlich einen Gott gibt, er bestimmt nichts dagegen haben wird, wenn ich ihm meine Ehre erweise. Wenn nicht, dann küsse ich eben ein Glasgefäss. Macht ja auch nichts.

Die Krone und ich. Ganz unter uns. Ein kleiner Kuss, ein Schritt nach links und schon ist der Spuk vorbei. Eine  ganz besondere Erfahrung. Auf jeden Fall habe ich mich extrem ruhig und ausgeglichen gefühlt. Eine gute Sache. Ich gehe aus der Kirche und weiss nicht so recht, was gerade mit mir geschehen ist. Die Jesuskrone in der Notre Dame und ich mittendrin. Wer hätte das gedacht…

12 in 12 – Irgendwas stimmt hier nicht

Es ist halb zehn Uhr Abends. Im Hinterhofclub La Loge im 11e Arrondissement steht gleich die französische Hipsterentdeckung Pi Ja Ma auf der Bühne. Ich stehe am Rand des Saals und schaue mir das Publikum an. Sie sehen nicht viel anders aus als in Berlin oder in London. Viele haben ein Bier in der Hand, tragen Stan Smith und vornehmlich schwarze Kleidung. Doch irgendwas ist dennoch anders. Irgendwas.

Da es bestimmt noch 20 Minuten geht, bis Pi Ja Ma ihren grossen Auftritt hat, nehme ich mal mein iPhone aus der Tasche. Es kann ja sein, dass ich eine total wichtige Nachricht verpasst habe. Nicht auszudenken, wenn ich die nicht gleich sehe…

Genau in diesem Moment geht mir ein Licht auf. Ich weiss jetzt, was hier anders ist, als überall anders. Ausser mir spielt hier niemand mit seinem Handy. Kein Einziger hat das Verlangen, mit der Aussenwelt verbunden zu sein. Kein Einziger starrt in seinen Screen und kein Einziger tippt wie wild, um allen via Instagram, Snapchat, Facebook oder Twitter zu zeigen, wie toll sein Leben ist.

Mann ist das erfrischend. Das Ganze strahlt so eine uhnheimliche Ruhe aus. Ich checke kurz, ob das alles nur daran liegt, dass hier im Saal kein guter Empfang ist. Doch nein, der Empfang ist klasse. Das Publikum verzichtet also ganz freiwillig auf das Smartphone. Dass ich das noch erleben darf… Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.

Jetzt ist es endlich so weit. Pi Ja Ma steht auf der Bühne. Sie legt los und ist klasse. Sie singt, malt und bezirzt. Das Publikum ist begeistert und dennoch halten nicht alle wie blöd ihr Phone in die Höhe und nehmen eine Show auf, die sie bestimmt nie mehr wieder anschauen werden. Bien fait, Paris. Je vous adore.

Falls ihr Euch fragt, wer diese Pi Ja Ma eigentlich ist. Voilà:

 

12 in 12 – Welches ist das beste Grand-Slam-Turnier?

Geschafft. Ich habe den Grand Slam gewonnen. Hier in Roland Garros ist es mir gelungen und zwar auf dem Court No. 3. Na ja, ich weiss, ich übertreibe ein wenig. Den Grand Slam gewonnen hört sich nach mehr an, als es eigentlich ist. Genauer genommen habe ich es geschafft, alle vier Tennis-Grand-Slam-Turniere zu besuchen. Das US Open, Wimbledon, das Australian Open und Roland Garros aka das French Open. Paris hatte mir noch gefehlt. Das Turnier mit der “terre battue”, den Mini-Breaks und das Turnier, wo der Schiedsrichter nach einer Pause statt “Time” “Reprise” ruft.

Ihr wollt jetzt bestimmt wissen, welches das beste Grand-Slam-Turnier ist. Die klare Antwort darauf ist: es kommt darauf an. Da ihr ja alle grosse Freunde von Bestenlisten seid, mache ich euch eine Freude. Hier kommt eine neue Liste:

Beste Organisation: Wimbledon

Es gibt wohl niemand, der es so gut versteht, Schlange zu stehen und das Anstehen so perfekt zu organisieren, wie die Briten.

Bester Belag: Roland Garros

Da steh ich möglicherweise allein da. Doch Sand lässt so viele taktische Varianten offen wie kein anderer Belag. Mehr ein Schachspiel als primitives Draufhauen Ich  liebe die langen Ballwechsel.

Best durchgestylte Hostessen/Platzanweiser: Roland Garros

Hier gibt es für das Personal bestimmt ein Casting. Vom Balljungen über die Shopangestellten, bis zur Platzanweiserin sind alle sowas von modisch drauf.

Beste Anlage: Australian Open

Grosszügig angelegt und genügend Platz, um auch Abseits vom Geschehen zwischendurch etwas abzuschalten.

Beste Souvenirs: Roland Garros

Die Sachen von Lacoste & Co sind so richtig schön. Nur Wimbledon kann da annähernd mithalten.

Beste Unterhaltung abseits des Tenniscourts: Australian Open

Konzerte und andere Performances, mit Topstars und Openair-Feeling runden die ohnehin perfekte Veranstaltung ab und das alles umsonst.

Bester Food: Wimbledon und Australian Open

Die Strawberrys and Creme in Wimbledon sind einfach himmlisch. Insgesamt sind aber die Food Trucks in Melbourne kaum zu schlagen.

Bester Center Court: Wimbledon

Es gibt nichts Besseres als der Center Court in Wimbledon. Die Royal Box und alles drum und dran machen den Platz einzigartig.

Bester Aussenplatz: Wimbledon und Roland Garros

Kein Platz hat in der ersten Woche so viel gesetzte Spieler wie der Court No. 12 in Wimbledon. Nur der Court No. 3 in Roland Garros kommt da annähernd ran.

Bester Value: US Open, Roland Garros

Die Ground Tickets am US Open und in Roland Garros sind nur schwer zu schlagen. Für wenig Geld viel viel Action. Kleiner Tipp: Geht in der ersten Woche, wenn das Haupttableau noch breit und die Action auf den Aussenplätzen noch gross ist. Ach ja, in Roland Garros kann man den ganzen Tag auf der Anlage bleiben. Keine Night Session. That rocks!!

Bestes Wetter: Australian Open

In Melbourne ist Regen um diese Jahreszeit (Januar) ein Fremdwort.

Beste Lage: Australian Open

Die Anlage ist mitten in der Stadt und zu Fuss erreichbar.

Bester TV Announcer: US Open

Keiner ist unterhaltsamer als John McEnroe

Bestes Programm/Old School Newsletter: Roland Garros

Jeden Tag gibt es eine ganze Zeitung mit den News of the Day. Auch im Zeitalter des Internets eine willkommene Geste – und wenn es zu heiss wird kann man sich daraus einen Sonnenhut falten.

Schlechtester Court: US Open

Der Center Court in Flushing Meadows ist extrem unpersönlich und in den frühen Runden oft recht leer.

Schlechteste App: Roland Garros

Die Franzosen sind in Sachen Apps und Web noch etwas hinter dem Mond. Nehmt Euch ein Beispiel am Australian Open.

Fazit: Wie gesagt: Es kommt darauf an…

 

 

12 in 12 – Städterating New York

Der letzte Eintrag aus New York. Der Moment, die Stadt zu bewerten ist gekommen:

Ein Monat ist nicht viel Zeit, doch genug, um einen Eindruck zu gewinnen, wie eine Stadt tickt. Deshalb haben wir ein Städterating erarbeitet, das sich von den gängigen Modellen der Mercers dieser Welt unterscheidet. Wir achten weniger auf das Bildungssystem, das politische Umfeld und das Gesundheitssystem, sondern mehr auf Faktoren, die eine Stadt einzigartig machen. Das Rating in neun Kategorien geht von 1 (schlecht) bis 10 (grandios) und spiegelt unser rein subjektives Empfinden:

Die Leute: 6

Die New Yorker sind ein ehrlicher Haufen. Das bringt ihnen innerhalb der USA einen unfreundlichen Ruf ein. Das ist sicher nicht verdient, ist aber auch nicht ganz falsch. Verglichen mit dem sonnigen Gemüt der Los Angelinos sind die New Yorker ohne Frage einen Tick weniger nett.

Kulturelles Angebot: 10

Viel besser geht es nicht. Deshalb eine verdiente 10. Wem es hier langweilig wird, der ist selber schuld. Kultur en masse. Kleiner Kritikpunkt: Die Tickets am Broadway werden langsam lächerlich teuer.

Food: 8

New York war für mich mit London immer die beste Food-Stadt der Welt. Doch wenn man die Großstädte miteinander vergleicht, dann hat New York seinen Vorsprung mittlerweile aufgebraucht. Alles, was “Fine Dining” betrifft ist in New York absolute Spitze. Doch wenn es um Street Food geht, dann sind Los Angeles, Tokio, Bangkok und Mexiko City New York um Längen voraus.

Preisniveau: 4

New York ist teuer geworden, sehr teuer – fast zürichteuer…auch im nationalen Vergleich ist New York nur was fürs gut gefüllte Portemonnaie.

Öffentlicher Verkehr; 6

Die U-Bahn muss auf Vordermann gebracht werden. Zu wenige Züge, zu viele “Signaling Problems” und zu viel Geratter. Zudem währen mehr Linien zu wünschen, die Brooklyn mit Queens verbinden. Das Fahrradsystem ist zwar schön, doch auch hier herrscht im Vergleich zu Paris, London und Moskau Aufholbedarf.

Wetter/Klima: 6

Ich kenne das Klima dank fünf Jahren in New York zum Glück gut, sonst wäre das Rating noch etwas tiefer ausgefallen. Wer Jahreszeiten mag, der mag New York. Der Sommer ist heiss und feucht, der Winter kalt. Ich mag das Wetter, doch perfekt ist es sicher nicht.

Sicherheit: 8

Wie so viele Metropolen ist auch New York total sicher geworden. Das gilt nicht nur für Manhattan, sondern auch für Brooklyn und Queens. Das ist schön.

Fun/Feel-Good-Factor: 9

In New York kann man einfach ohne Plan loslaufen und spätestens an der übernächsten Ecke bleibt man hängen, da dort etwas Überraschendes passiert – eine Qualität, die nur wenige Städte haben. New York is fun!

Coolness/Kreativität: 8

New Yorker haben etwas cooles und Abgeklärtes an sich. Trotz Gentrifizierung gibt es immer noch kreative Ecken, auch wenn man dafür oft nach Brooklyn gehen muss. Sie “Supercreatives” sind in New York nicht mehr ganz so häufig zu finden, wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Da haben Städte wie London, Berlin und Paris New York vielleicht gar den Rang abgelaufen. Zudem ruht sich die breite Masse etwas auf dem guten Ruf aus…

Gesamtergebnis: 65 Punkte. Das ist zusammen mit Moskau Platz 4 im Zwischenklassement.

Nächster Stopp: Paris.

 

12 in 12 – Der ungewöhnliche Aufstieg der Misty Copeland

The YouTube ID of Insert video URL or ID here is invalid.

Mit 13  wohnte Misty Copeland mit ihrer Mutter und fünf Geschwistern  in einem schäbigen Motelzimmer auf engstem Raum. Sie hatte noch nie Ballett getanzt, geschweige denn Unterricht genommen.  Das war 1995.

Fast Foward…12 Jahre später.  Misty Copeland steht in der New Yorker Oper im Lincoln Center in Don Quixote auf der Bühne, ist die allererste schwarze Prima Ballerina des American Ballet Theater und schwebt mit ihrer fragilen und dennoch selbstbewussten Grazie wie auf einer Wolke über die Bühne. Damit zieht sich mich und das gesamte Publikum von der ersten Sekunden an in ihren Bann. Als der Vorhang fällt, springe ich begeistert auf und huldige das Genie Namens Misty Copeland mit einer minutenlangen Standing Ovation. Als ich ich umsehe, bemerke ich , dass sie alle stehen. Misty Copeland ist angekommen und zwar ganz oben.

Wie kam es, dass ein Mädchen, das bis sie 13 Jahre alt war, noch nie Ballett getanzt hatte, so eine Karriere hinlegte? In einem Beruf, wo es als zu spät gilt, wenn man mit 6 Jahren in die Ballettstunde kommt, weil Andere schon mit zwei oder drei Jahren angefangen haben.

Misty wollte Kunstturnerin werden. Seit sie klein war, trainierte sie dafür wie eine Wahnsinnige. Schon damals merkte sie, dass sie den Rhythmus im Blut hatte. Schliesslich war ihre Mutter schon eine Tänzerin. Doch in San Pedro, Kalifornien, mit allen Geschwistern in einem Motelzimmer war an Kunstturnen auf hohem Niveau, geschweige denn and  Ballett im Lincoln Center in New York, nicht  zu denken.

In der Schule besuchte Misty das sogenannte Drill Team, in dem eine Art künstlerisches Exerzieren gibt wurde. Ihre Lehrerin Elisabeth Cantine fiel sofort auf, das Misty anders war, als die anderen und  schlug ihr vor, die Ballettschule ihrer Kollegin Elisabeth Kantine zu besuchen. Misty sah Ballett als Ausweg aus der hoffnungslosen Situation zu Hause und begann zu tanzen. Sie war kräftiger als alle andern Schülerinnen, ihr Füsse grösser, ihre Figur weiblicher und ihre Haut dunkler. Dennoch war sie nach kurzer Zeit Klassenbeste und stellte alle in den Schatten.

Doch dann entschied sich Misty”s Mutter in eine andere Stadt zu ziehen und die Ballettschule war zu weit weg. Sie hatte keine Zeit mehr, Misty dort hinzufahren und verbot ihr, Ballett zu tanzen. Der Traum schien ausgeträumt. Doch ihre Ballettlehrerin liess nicht locker. Misty zog bei ihr und ihrem neuen Ehemann kurzerhand ein und verklagte ihre Mutter, die verlangte, dass Misty sofort nach Hause kommen sollte. Nach jahrelangem hin- und her setzte sich Misty durch, sprach daraufhin 15 Jahre nicht mehr mit ihrer Mutter. Ihre Entschlossenheit zahlte sich aus. Im Jahr 2000 schaffte sie das Undenkbare und wurde ins  American Ballett Theater aufgenommen. 2007 avancierte sie zur Solistin und wurde 2015 als erste schwarze Tänzerin zur Prima Ballerina des American Ballett Theater ernannt.

Der Weg dahin war mehr als nur steinig.  Mittlerweile ist Misty Copeland ein Superstar, der nicht nur auf der klassischen Ballettbühne, sondern auch im der Popkultur und dem modernen Tanz eine der ganz Grossen ist. Den Erfolg hat sie verdient. Was ich an diesem Abend im Lincoln Center gespürt habe, als ich Misty Copeland in Don Quixote auf der Bühne sah, werde ich nie mehr vergessen.

Schaut euch an, was Misty kann. Erst traditionell. dann modern:

https://www.youtube.com/watch?v=PTdeXwZY_sI

P.S. Diese Mal sind die Fotos leider nicht von mir.

12 in 12 – Donald, wo sind deine Supporter?

Ich kenne persönlich kaum jemanden, der für Donald Trump abgestimmt hat. Dennoch, er ist amerikanischer Präsident und hat die deutliche Mehrheit der US-Bundesstaaten gewonnen.

Im Moment gibt es an den Stammtischen New Yorks nur ein Thema: Gibt es ein Impeachment gegen Donald Trump, tritt er irgendwann freiwillig zurück, stolpert er über die Russland-Affäre, die Entlassung des FBI-Chefs, innerparteiliche Streitigkeiten oder wird er sonst wie aus dem Amt gedrängt?

Hier in New York gibt es überall Anti-Trump-Kundgebungen. Mal sind es  nur eine Handvoll Demonstranten, dann Hunderttausende, die gegen das “Regime Trump” durch die Strassen ziehen. Wenn man Umfragen glaubt, hat Trump jedoch noch immer eine starke Mauer hinter sich. Der mittlere Westen und der Bible Belt sind klar pro Trump und nennen die Impeachment-Rufe eine Hexenjagd.

Doch eine Frage stelle ich mich schon: Wo sind diese Leute, für die Trump der Retter in der Not, der vom Himmel gesandte, der Auserwählte, ja der Glücksfall des Jahrtausends ist? Wo sind die? Warum gehen die nicht auf die Strasse und demonstrieren dagegen, wie ihr Präsident behandelt wird? Leave our president alone! We don’t want a biased media! lies, lies, lies, lies! sollte es durch die Strassen von New York, Chicago, Washington, Saint Louis und Denver schallen.

Doch nichts dergleichen. Sie machen die Faust im Sack, schauen Fox News und glauben daran, dass alles wieder gut wird. Donald wirds schon richten. Er hat gesagt, das alles Ok sei und ist drauf und dran, das Land so zu entzweien, wie es noch kein anderer Präsident vor ihm getan hat.

Wo seid ihr, ihr Trump-Supporter?