Wie frei ist man in Russland und was darf man hier alles sagen?
Vielleicht bringt uns ja ein Witz, den gestern die 30-jährige Elena aus Sibirien in einer netten Runde erzählt hat, der Antwort einen Schritt näher. Als Sie auf Putins Taschenspielertrick, mit dem hin- und her wechseln zwischen Präsidenten- und Premierminister-Posten die Amtszeitbeschränkung zu umgehen, angesprochen wird, legt sie los:
Ein Amerikaner und ein Russe treffen sich in einer Bar. Der Amerikaner sagt: Bei uns gibt es Rede- und Meinungsfreiheit. Ich kann nach Washington ins Weisse Haus gehen und dort sagen: „Ich mag Obama nicht“. Das ist absolut OK. Ich muss mir da keine Sorgen machen. Der Russe entgegnet: Das ist bei uns genau so. Ich kann einfach in den Kreml gehen, mich dort aufstellen und sagen: Ich mag Obama nicht. Das ist auch überhaupt kein Problem.
Ja, klar. Ein alter Kalauer. Den gabs bestimmt auch schon vor 30 Jahren. Doch wenn Elena das in Sichtweite des Kremls charmant und in geschliffenem Englisch erzählt, scheint die Frage nach der Freiheit in Moskau für einen Moment beantwortet zu sein. Bis das Gespräch auf Putins Zustimmungsquote von 82% fällt, wonach ich mir ein Stirnrunzeln nicht verkneifen kann.

Ich weiss gar nicht, ob ich darauf stolz sein soll oder ob ich mich hier lieber aus dem Staub machen sollte. Doch der Reihe nach. Es hatte alles so gut angefangen. Die Sonne scheint über Moskau, die Luft riecht nach Abenteuer, die Strasse lacht mich an und das erste Vortasten unter Balalaikaklängen, Wodkaflaschen und einer wohl tuenden Gemächlichkeit tut so richtig gut.
“Veränderte Distanz von der Heimat verändert das innere Mass”. Jaja, schon gut, das ist natürlich nicht von mir, sondern von Stefan Zweig. Trotzdem setz ich nochmal einen drauf, einfacher aber keineswegs trivialer: