12 in 12 – Vergnügen in der DDR

Berlin ist gespickt mit Reliquien aus der ehemaligen DDR. Als ich mit  dem Fahrrad östlich von Kreuzberg durch den wunderschönen Treptower Park radle, sehe ich von weitem ein Riesenrad. Wow, was für ein Ding und das hier direkt am Ufer der Spree. Das will ich mir genauer anschauen. Die Vegetation wird immer dichter und aus dem Park wird ein Wald, der Plänterwald. Ein hoher Zaun zieht sich neben dem Radweg her. Das Riesenrad ist nicht mehr weit. Doch obschon heute ein wunderschöner Sommertag ist, steht es still.

Hinter dem Zaun liegt ein Dinosaurier. Ein Dinosaurier? Sind die nicht ausgestorben? Auch dieses Ungetüm ist nur eine Attrappe und hat seine besten Zeiten gesehen. Reglos liegt er da.  Das war wohl mal das Herzstück einer Achterbahn oder so.  Sieht irgendwie traurig aus. Schienen ziehen sich dem Zaun entlang, einige von Brombeersträuchern überwucherte Wagen einer Vergnügungsbahn sind im Gehölz zu sehen. Hier erspähe ich einen Schwan aus Plastik und dort ist ein Karussell, das seine besten Tage schon lange hinter sich hat.

Was sich hinter dem Zaun verbirgt und seit 20 Jahren brach liegt ist der Spreepark Plänterwald. Das war einst der grosse Stolz der DDR. 1969 als erster und einziger Vergnügungspark der DDR erbaut, mit einem 40 Meter hohen Riesenrad, einer Achterbahn und 25 Hektaren purem Spass zeugt der “Kulturpark” heute nur noch von einer Zeit, die es nicht mehr gibt.

Das Prestigeobjekt wurde von der DDR-Regierung anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Staatsgründung an die Bevölkerung übergeben. Zur Realisierung des Vorhabens in nur sieben Monaten wurden über Nacht mehrere Betriebe für den Bau verpflichtet und um den Park von den restlichen DDR-Rummelplätzen abzuheben, importierte man die Fahrgeschäfte aus nichtsozialistischen Gebieten.

Die Berliner nannten den Park liebevoll Kulti. 1,5 Mio. Besucher kamen hier Jahr für Jahr her. Noch im Jahr des Mauerfalls hatte man das Riesenrad vollständig neu gebaut und wollte noch mal so richtig angreifen. Doch daraus wurde nichts. Die Privatisierung nach der Wende ging im Endeffekt schief, alle Versuche, den Park so richtig wieder in Schwung zu bringen, schlugen fehl. Neue Attraktionen wurden für viel Geld gebaut. Doch 2001 schloss der Park seine Tore. Ein Grossteil der Fahrgeschäfte wurde nach Peru! transportiert.

Ach ja, da war ja noch die Geschichte von Norbert Witte, der den Park noch retten wollte. Doch eben dieser Norbert Witte verschiffte dann sozusagen in einer Nacht- und Nebelaktion die Fahrgeschäfte nach Peru und aus war der Traum vom Kulti. Doch der Knall kam erst noch. Der Versuch von Witte und seinem Sohn, im Inneren des Fahrgeschäfts “Fliegender Teppich” 167 Kilo Kokain von Peru nach Deutschland zu schmuggeln, fliegt auf. Norbert Witte geht in Deutschland für vier Jahre ins Gefängnis, sein Sohn sitz in Lima im Knast. Da verliert sich dann die Spur der Wittes – bis 2008 zumindest. Dann wurde er wieder als Verwalter des Grundstücks eingesetzt. Sachen gibts…

Immer wieder gibt es Pläne, den Park neu zu lancieren. Doch so richtig klar, was mit dem Kulti passieren wird, ist noch immer nicht. Jüngster Stand: Statt Vergnügungspark ein Ausflugsziel aber mit Riesenrad. Erste Rodungen wurden vorgenommen und Optimisten rechnen mit einer Eröffnung 2018. Doch wer Berlin und seine Bauvorhaben kennt (Flughafen, räusper)…

Noch gibt es ihn also noch, den hohen Zaun, der den Plänterwald in Treptow teilweise zu einem Uferweg degradiert. Der Dinosaurier liegt stumm da und denkt sich wohl: WTF, wo sind sie alle geblieben?

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